Geschichte

Das Ende der „Volksschule“ in Weilheim

Mit dem Schuljahr 2010/11 wurde unsere Hauptschule zur Bayerischen Mittelschule ernannt. Auf dem Schulsiegel steht nun nicht mehr „Wilhelm-Conrad-Röntgen-Volksschule (Hauptschule) Weilheim". Den Begriff „Volksschule" gibt es nicht mehr. Bisher wurden die Grundschule und die Hauptschule unter dem Namen „Volksschule" zusammengefasst. Die Änderung soll hier der Anlass sein, über die Entwicklung der Volksschule zu berichten.

Es gibt viele zusammengesetzte Bezeichnungen mit dem Vorwort „Volk". Immer ist dann gemeint, dass eine Sache nicht nur für besonders bevorzugte Bevölkerungsgruppen gedacht ist, sondern für alle Bürger eines Landes. So sollte der Volkswagen so billig sein, dass ihn sich sehr viele leisten konnten. Auch das erste Radio, das bald in allen Familien stand, hieß Volksempfänger. Wer gerne Spaß haben will, den man sich noch leisten kann, der kann aufs Volksfest gehen. Und die Volksschule wurde als Pflichtschule für alle Bürger eines Landes eingerichtet, von wo aus man auch eine „weiterführende Schule" besuchen kann. Es ist wichtig, dass jeder Bürger über ein möglichst großes Grundwissen verfügt. Leider gibt es noch Länder auf der Welt, wo das noch keine Selbstverständlichkeit ist.

In Weilheim ist im Jahre 1305 zum ersten Mal ein Lehrer mit dem Namen Merbotus erwähnt. Schon die lateinische Form des Namens Merbot weist darauf hin, dass er wahrscheinlich ein Lateinlehrer war. Die sogenannte „lateinische Schule" war vor allem gedacht, Buben für Priesterberufe auszubilden. Aus dem Jahre 1569 erfahren wir aus einer Haushaltsabrechnung der Stadt Weilheim zum ersten Mal von einem „deutschen Schuelmeister". Er unterrichtete genauso Lesen und Schreiben, nicht aber Latein. Diese „deutsche Schule" oder „Elementarschule" war schon eine erste Schule fürs Volk, wenn es auch den Namen „Volksschule" noch nicht gab.

Bis etwa um 1800 gab es diese mittelalterliche Schulform. Zuständig waren die Pfarrer, in Weilheim die Stadtpfarrer von Mariä Himmelfahrt und von St. Pölten. Die „deutsche Schule" von Mariä Himmelfahrt zog etwa um 1720 in das Spitalhaus ein, wo heute die Buchhandlung Stöppel untergebracht ist. Buben und Mädchen wurden zum Schulegehen aufgerufen, eine Schulpflicht jedoch gab es noch nicht. Die „lateinische Schule" war übrigens bis zu ihrer Auflösung um 1750 im stadteigenen Gebäude neben der Kirche, der ehem. Buchhandlung „Buttner", jetzt „Lesbar" untergebracht.

Am 23. Dezember 1802 erließ der bayerische Kurfürst Maximilian IV. Josef die Verordnung über den allgemeinen Schulzwang vom 6. bis zum 12. Lebensjahr. Jetzt erst mussten alle Buben und Mädchen die Schule besuchen. 1856 wurde die Schulpflicht auf sieben Jahre verlängert. Die Schule hieß „Werktagsschule". Die Lehrlinge gingen in die „Sonntagsschule".

Siegel-Volksschule

Der Begriff „Volksschule" war schon vereinzelt in Gebrauch. Doch war er bei den regierenden Wittelsbachern verpönt, zumal sich die Volksschullehrer 1832 bei revolutionären Umtrieben beteiligten. Deshalb sollte auch das untertänige Volk nicht allzu gut gebildet werden.

Siegel-Volkshauptschule

Erst im Schuljahr 1915/16 trugen die Zeugnisse den Aufdruck „Volkshauptschule Weilheim". Dazu gehörten auch die Grundschüler. Die Volkshauptschule und die Volksfortbildungsschule zusammen wurden als Volksschule bezeichnet. Die Volksfortbildungsschule war eine Fortentwicklung der Sonntagsschule. Aus ihr wuchs die spätere Berufsschule heraus.

Siegel-Hauptschule

Nach der Entlassung der Englischen Fräulein durch die Nationalsozialisten wurden 1938 die Knaben- und die Mädchenschule vereinigt und erstmals die Zeugnisse mit dem Schulsiegel „Volksschule Weilheim i. Obb." versehen. In der Verfassung des Freistaates Bayern von 1946 und im Grundgesetz von 1949 werden die öffentlichen Volksschulen als gemeinsame Schulen für alle volksschulpflichtigen Kinder bestimmt. Es gab seither so manche Neuerungen, aber der Überbegriff der „Volksschule" wurde bisher stets beibehalten.

Nachdem der Mittlere Bildungsabschluss mit Bestehen der sog. M10-Klasse auch an der Hauptschule abgelegt werden kann, hat der neue Name durchaus auch seine Berechtigung. Ich wünsche allen Schülerinnen und Schülern und ihren Lehrkräften, dass sie in der neuen Mittelschule mit all ihren Ausprägungen sich wohl fühlen, den Anforderungen gerecht werden und der erhoffte Erfolg erreicht wird.

Richard Bittner, Rektor a.D.